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  • Franz

Unerwartete Wendung

Aktualisiert: 14. März 2023


Ruta Provincial 19 nach Norden

Wir sind wieder in Argentinien – das hatte mehrere Gründe. Zum einen war das Wetter für die kommenden Tage in Chile auf der Carretera Austral ausschließlich regnerisch und kalt angesagt. Somit sieht man sowieso nicht die schönen Berge um einen herum. Zum anderen ist Chile extrem teuer, egal was käuflich erworben werden muss (vor allem im Vergleich zu Argentinien). Schon nur das 95er Benzin kostet in Argentinien etwa 38 ct pro Liter, in Chile ca. 1,57 € und es zieht sich quasi durch alle Bereiche. Das ist nicht von primärer Bedeutung aber spielt schon eine Rolle für unsere Reisekasse. Weiterhin verpasst man wunderschöne Ecken in Argentinien, wenn man nur durch Chile fährt (wo ja aktuell sowieso alles verhangen und nass ist) und uns reizen die kleinen Pässe und Grenzübergänge.


Unsere Reise führe uns weiter nach Norden zum Lago Vintter und dann weiter nach Corcovado, Trevelin und Esquel. Zumindest hatten wir uns das so vorgestellt. Leider hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wie man so schön sagt. Kurz vor dem Lago Vintter passierte das bisher irgendwie unvorstellbare. Nach einer langen Geraden von hervorragender Pistenqualität änderte sich dies vor einer Linkskurve schlagartig. Es lagen extrem viele mittelgroße Flusskiesel auf der Piste, die extrem rollig waren. Zusätzlich kam erschwerend hinzu, dass (nach unserem Dafürhalten) bisher nur in dieser Kurve die Fahrbahn in der Mitte viel höher war als am Rand. Normalerweise sind die Kurven von Pisten an der Außenseite höher als an der Innenseite oder einfach eben. Und als alles entscheidender Faktor fuhr ich zu schnell mit etwa 60 km/h. Zacharias brach nun also hinten aus, schlingerte zweimal hin und her und ich hatte schon die Hoffnung, ihn wieder stabilisieren zu können, als das rechte Hinterrad seitlich gegen den Erd- bzw. Kieswall am Rand einer jeden Piste schlug und wir uns von der Beifahrerseite über das Dach bis auf die Fahrerseite um 270° überschlugen.


Für ein paar wenige Sekunden setzte meine Erinnerung aus und wir schauten nach hinten zu den Kindern, die durch die artistische Einlage aufgewacht waren und uns schräg auf der Seite liegend aus ihren Sitzen anschauten. Sofort nahmen wir die Kinder durch die nun als Dachluke nutzbare Schiebetür mit von Bord, verschnauften kurz und holten noch die wichtigsten Dinge aus dem auf der Seite liegenden Bus. Keine 5 Minuten später kamen Juan und sein Freund Aldo vorbei, hielten, erkundigten sich ein paar Sekunden, was passiert war und schon wurde die Schaufel angesetzt. Ziel war es, Löcher für die Räder zu graben und den Bus direkt mit Manneskraft wieder aufzustellen. Das erwies sich als eher unmöglich, bei knapp 3 Tonnen Kampfgewicht.


So nahmen die beiden Männer erstmal Juliane und die Kinder mit zum Haus von Juan, der quasi direkt am Lago Vintter lebt und kamen knapp 30 Minuten später wieder zu mir zurück. Ich hatte derweil die Löcher für die Räder noch tiefer gegraben und es waren noch ein paar andere Leute gekommen, darunter die Schwiegertochter von Juan, wie sich später herausstellte. Schließlich befestigten wir einen Bergegurt an den Wagenheberaufnahmen vom Bus und zogen ihn ohne große Mühen wieder auf die «Füße». Sofort wurde der Bergegurt an den vorderen Bergeösen von Zacharias befestigt und dieser aus den beiden Löchern für die Räder wieder auf die Straße gezogen. Kurzer Check ob Lenkung und Bremsen funktionieren und schon ging es am Abschleppseil Richtung Lago Vintter.


Dort angekommen wartete Juliane schon mit den Kindern auf mich. Ich stand immer noch so unter Strom, dass ich das Passierte irgendwie noch nicht so richtig realisiert hatte. Doch ich war so unglaublich glücklich, dass niemandem etwas passiert ist. Niemand trug einen körperlichen Schaden davon, bis auf eine kleine Knieprellung bei Juliane. Nebenbei war es tatsächlich mein erster Autounfall überhaupt. Zuerst bekam ich mal ein Bier von Juan gereicht – das war sicher das Wichtigste nach so einem Erlebnis.


Nachdem der erste Schock sozusagen überstanden war, war der nächste Programmpunkt, zumindest der anwesenden Argentinier, zu schauen ob der Motor läuft. Denn das ist das Wichtigste neben der Unversehrtheit unsererseits. Und tatsächlich, nachdem wir etwa 2l Motoröl nachgefüllt hatten und 200 ml Öl aus den Zylindern gezogen hatten schnurrte er wieder wie ein Kätzchen. Für uns in Europa ist die Sache genau umgedreht: der Motor kann entspannt auch mal repariert oder getauscht werden, aber die Karosse ist das Wichtige. Hier fahren viele Autos so oder noch schlimmer herum und der entscheidende Faktor ist der Motor.


Die kommenden zwei Tage versuchten wir das erlebte bei Juan und Isabel, seiner Frau, ein wenig zu verarbeiten und zu entspannen und natürlich ein wenig die Schäden zu begutachten. Und diese waren beträchtlich und es kristallisierte sich heraus, dass mit der Karosserie von Zacharias wohl nicht mehr viel anzustellen ist. Sie war im Prinzip überall verzogen, primär vorn rechts, wo der erste Aufprall war aber auch sonst schlossen weder die Heckklappe halbwegs ordentlich noch die anderen Türen.


Kurzerhand wurden über das WLAN, das mittels Strom vom Benzinaggregat betrieben wurde, alle Hebel in Bewegung gesetzt um Möglichkeiten für Ersatzteile und Reparaturen zu finden. Und das klappte erstaunlich gut. In Argentinien als auch in Chile gibt es eine relativ kleine aber gut vernetzte T3 Gemeinde. Alle, die wir kontaktierten, nahem Anteil an unserem Unglück, waren aber gleichzeitig auch extrem hilfsbereit mit Kontakten, Ersatzteilen etc. Mit der Zeit kristallisierte sich dann leider heraus, dass wir (zum Glück) wenige Ersatzteile brauchen, lediglich eine Frontscheibe, eine Dreiecksfenster, und einen Blinker, alles andere funktionierte und war maximal unschön zugerichtet. Allerdings zeigte sich auch, dass die Karosse einige unschöne Risse hatte und somit nicht wirklich für ein weiteres Jahr (oder etwas mehr) in Südamerika nutzbar war. Hier ein gute Spenderkarosse für einen Syncro zu finden ist der Inbegriff des Unmöglichen.


Isabel und Juan, ihr Sohn Cristian und seine Freundin Aylen nahmen uns unglaublich warmherzig auf mit der Selbstverständlichkeit mit der man seinem Besuch einen Kaffee anbietet. Sie leben am Lago Vintter in einfachen Verhältnissen, doch das spielte gar keine Rolle. Wir wurden zu quasi jeder Mahlzeit mit eingeplant und bekocht, es gab Obst, Gemüse und Bier. Besonders Juan war extrem Lösungsorientiert und schickte uns sozusagen zwei Tage nach dem Unfall mit Sack und Pack nach Corcovado (etwa 60 km Piste), wo Lucas die Türen wieder gängig klopfen und das gröbste am Blech ausbeulen sollte.


In Corcovado wurden wir ebenfalls von Freunden von Isabel und Juan unglaublich herzlich empfangen und zum Essen eingeladen während Zacharias den Hammer und diverse andere Gerätschaften zu spüren bekam. Nach zwei Tagen fuhren wir noch einmal zu Isabel und Juan zurück und verbrachten nochmal zwei Tage mit ihnen bevor wir wieder nach Norden und somit auch nochmals nach Corcovado aufbrachen. Wie es er Zufall so wollte, mussten auch Juan und Isabel nach Corcovado und so konnten wir am Folgetag gemeinsam mit ihren Freunden Susana und Marcos und deren Familie ein großes Asado machen. Es war sehr schön und es kam von Herzen. Anschließend verabschiedeten wir uns und setzen unseren Weg nach Bariloche fort.


Wir hatten mit unserem Unfall unglaubliches Glück, zum einen, dass uns und vor allem den Kindern nichts passiert ist. Die Kinder waren gut in ihren Sitzen angeschnallt und wir vorn ebenfalls. Zum anderen, dass uns so schnell geholfen wurde, auf einer Strecke, wo am Tag keine 30 Autos lang fahren. Und zu guter Letzt auch, dass es genau an der Stelle passiert ist. Wenn ich mir vorstelle, es wäre irgendwo in der Pampa gewesen, 70 km vom nächsten Sendemast entfernt bei 70 km/h Wind und 10% Luftfeuchte – das wäre eine ganz andere Geschichte. Wir hatten sozusagen alles Glück der Welt in unserem Unglück. Der Lago Vintter ist landschaftlich ein Traum, das Wetter war gut, uns Juan und Isabel so herzensgute Menschen, dass es fast schade gewesen wäre, wenn wir den Unfall nicht gehabt hätten, denn dann hätten wir sie sicherlich nicht kennengelernt.


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